PL | EN

Between

27.05-9.06.2011
Galerie Zero, Berlin (Niemcy) www.zero-project.org
Kurator: Agnieszka Kurgan
*Współorganizator wystawy: Instytut Adama Mickiewicza


katalog [pdf]

Wer ist Karina Marusińska? Eine Designerin, Anti-Designerin, Keramikerin, Autorin von Installationen, eine Performerin? Die gegenwärtigen Definitionen sehen im Design ein kritisches, anderen visuellen Kunstarten gegenüber gleichberechtigtes Verfahren, dem die Vorstellungskraft unterzogen wird, und verursachen dadurch, dass derartige Unterscheidungen ihren Sinn verlieren. Das Schaffen von Marusińska, die zu der jüngsten Generation von Designern gehört, ist mit einem solchen Verständnis von Design aufs Engste verbunden.

Ihre erste Individualausstellung 'Dazwischen' zeigt eine außergewöhnliche Vielfalt ihres Schaffens. In der Ausstellung befinden sich Designer-Arbeiten der Gebrauchskunst, ein Teil davon entstand in kurzen, in Porzellanfabriken hergestellten Serien, ein anderer Teil sind Prototypen, die noch nicht in die Produktion eingeführt wurden, aber nicht nur. Dort gibt es auch Arbeiten, die auf den ersten Blick industrielle Abfallprodukte oder auch Mängelstücke zu sein scheinen, und solche Assoziationen sind auch absolut richtig. Während ihrer Arbeit in den Fabriken erforscht Marusińska ganze Abfallhaufen und ist auf der Suche nach Möglichkeiten, Abfallprodukte wiederzuverwenden, auf der Suche nach deren neuen Funktionen und ästhetischen Werten. Auf diese Art und Weise entstanden die Arbeiten 'REproducts', 'Uszczerby', 'Uszka', 'Uhaha', 'W zawieszeniu', 'Pogoda'.

Eine weitere Gruppe von Arbeiten bildet ein Kommentar zu Herstellungsprozessen in den Fabriken, zu ihrer Wiederholbarkeit, zu der Entfremdung von herkömmlichen Schemata. In den Arbeiten 'Hard made', 'Gat.' werden die Signaturen, die die Kommunikationssprache der Fabrikmitarbeiter bilden, zu den Gefäßverzierungen und ersetzen so die klassischen Pflanzenmotive. Die Arbeiten 'Relacje', 'Parówka', 'Pół-produkty', oder 'Wykapana' verwenden industrielle Halbfabrikate in einer neuen Funktion als Gegenstände, die in einem technologischen Prozess fest miteinander verbunden wurden. In den fehlerhaften Mutanten wertet die Autorin die Einzigartigkeit eines Fehlers auf. Die Manipulation und das Spiel mit der Form und mit der Bedeutung sind die Leitmotive der Arbeiten 'Antykradzieżowe', 'Konserwowe', 'Ogryzki', 'KalejdosCUP', 'Pla(y)te', 'WAZon', 'nieSPÓDzianka'. Marusińska lädt die Benutzer zum Spiel ein, mit der konventionellen Herangehensweise in Bezug auf das Tischgeschirr zu brechen und nach neuen Assoziationen zu suchen.

Eindeutig weiter geht sie in zwei Projekten, die provozieren, in den Zustand des Ekels einführen und die Regeln des „guten Geschmacks“ oder des „richtigen Benehmens am Tisch“ verspotten. 'Kucana' ist ein Teller, der in seiner Form durch das sog. „Knieklo“ inspiriert wurde und einem solchen zum Verwechseln ähnelt (dieses Projekt ruft eine Szene aus dem Film 'Le Fantôme de la liberté' von Luis Buñuel in die Erinnerung, in der die Gäste am Tisch auf den Klosettbecken sitzen, die Malzeiten dagegen heimlich als etwas Obszönes eingenommen werden). 'Owłosiono' ist eine Tasse mit Unterteller, die nur mit im Boden eingeschmolzenen Haaren verziert wird. Sie bezieht sich auf unsere Vorurteile und auf eine ekelhafte Vorstellung, im Tee ein Haar zu finden (sowie auf eine andere surrealistische Ikone – das Frühstück im Pelz von Meret Oppenheim).

Die nächste Gruppe von Arbeiten betrifft die soziologischen und feministischen Fragen, die für die Autorin von großem Interesse sind. Tabu ist eine Serie von Fotobildern, die von Justyna Fedec gemacht wurde; die Fotos zeigen Frauen aus der Künstlergruppe „Łuhuu“ als barocke Porzellanfigürchen stilisiert und zwar in intimen oder peinlichen Situationen „ertappt“ – sie bohren in der Nase, drücken Pickel aus oder machen ihre Unterwäsche zurecht. Traditionell werden solche Porzellanfiguren in speziellen Vitrinen und an repräsentativen Plätzen aufgestellt und stellen brave Hofszenen dar. In diesem Fall spielt Marusińska mit der Konvention und hat auch vor, auf der Grundlage dieser Fotos echte Porzellanfiguren herzustellen, die eben in intimen Situationen „ertappt“ werden.

'Każda inna wszystkie różne' bezieht sich auf Postulate, die zur Toleranz auf den Gleichberechtigungsparaden aufrufen. Die Fotoreihe präsentiert die massenhaft produzierten chinesischen Porzellanfiguren, die theoretisch identisch sein sollten, aber sich in Details unterscheiden, vor alem im Gesichtsausdruck und in anatomischen Einzelheiten.

 

'Emblema' – ein Projekt, das im Rahmen des 46. Internationalen Pleinairs in Bolesławiec entstand, ist die Dokumentation der Arbeit von Marusińska in der Fabrik. Ein charakteristisches Element, das sich in allen Fotografien wiederholt, sind die blauen Fingernägel der Designerin, die auf die traditionellen blauen Glasuren aus Bolesławiec anspielen. Wie lässt sich die Sehnsucht nach Schönheit und Gepflegtsein mit der körperlichen Arbeit in der Fabrik, die den körperlichen Kontakt mit Ton erfordert, verbinden? Und zum Nachtisch 'Kiwaczek'. Der in den 80er Jahren als Ikone geltende Hund mit dem wackelnden Kopf, den man in die Autos stellte, erscheint in frischer minimalistischer Porzellanversion und schmückt nicht nur das Innere der Autos, sondern auch Wohnungen und ruft auf sentimental-surreale Weise den Kitsch aus der Zeit des Kommunismus hervor.

 

'Dazwischen' ist ein interdisziplinäres Projekt, welches das Schaffen von Karina Marusińska unter vielen Aspekten darstellt, es ist zugleich ein Versuch, zu zeigen, wie viele Probleme das gegenwärtige Design anreißen kann, und wie dünn die Grenze zwischen Design und Anti-Design ist. Die Ausstellung zeigt ebenso, dass der Verzicht auf Klassifikations - und Zuordnungsversuche, die in der Gegenwartskunst gelten, auch in dem Gebrauchsdesign präsent ist, und das Porzellan nicht nur langweiliges, klassisches Tischgeschirr ist, das in jedem Haus genutzt wird.

Agnieszka Kurgan 

TOP